Sind Aquarianer Tierquäler?

Beitrag teilen:

Die Aquaristik wird von allem von Teilen der Tierrechtlerszene sehr kritisch gesehen, und man hört sogar hin und wieder Rufe, man solle vom Halten von Fischen und anderen Wassertieren Abstand nehmen. Aquarien in der Wohnung dienten rein egoistischen Zwecken, die Tiere darin seien gequälte Kreaturen, die sich in ihren vier Glaswänden zu Tode langweilten und ohnehin nicht artgerecht gehalten werden könnten.

Richtig ist daran natürlich, dass nicht jeder Fisch, jeder Krebs, jede Krabbe und jede Garnele, ja sogar jede Schnecke in jedes beliebige Aquarium gesetzt werden dürfen, und dass es Arten gibt, die auf Grund ihrer Lebensweise oder ihrer schieren Größe in einem Aquarium üblichen Zuschnitts nichts verloren haben.

Vampirkrabbe

Im folgenden möchten wir einerseits auf eine art- bzw. tiergerechte Haltung speziell bei Wirbellosen eingehen, aber natürlich auch eine Lanze für die Aquaristik im allgemeinen brechen.

Auch die Wassertiere besetzen in der Natur sehr unterschiedliche Lebensräume, und denen sollte das Aquarium so gut wie möglich nachempfunden werden. Dazu gehört nicht nur eine entsprechende Größe, dazu gehören auch Dinge wie die Einrichtung, die Bepflanzung und natürlich ganz besonders die Wasserwerte. Eine Garnele aus weichem Wasser (wie beispielsweise die Bienengarnele) fühlt sich in hartem Wasser nicht sonderlich wohl, die Tiere werden in diesen ungünstigen Bedingungen krank und/oder vermehren sich nicht, eine überwiegend ans Landleben angepasste Krabbe wie die aus der Gattung Geosesarma würden in einem Aquarium schlicht und ergreifend ertrinken.

Forschung für die artgerechte Haltung

Eine wirklich artgerechte Haltung wie im Biotop ist bei jedoch einigen Tieren wie beispielsweise Zwerggarnelen und manchen Schnecken, einigen Krebsarten und auch bei vielen Krabben mittlerweile tatsächlich recht gut möglich. Dank Forschern wie Werner Klotz, Chris Lukhaup und vielen anderen wissen wir heute sehr viel über die natürlichen Lebensräume unserer Wirbellosen. Ganz anders als zu den Anfangszeiten!

Artgerechtes Wassermileu

Auch in der Natur leben Bienengarnelen, Tigergarnelen und Co. zusammen mit Schnecken in kleinen ausgewaschenen Pools in Bächen, die nicht sonderlich groß sind. Die Erkenntnisse über Temperaturen, Wasserwerte, Pflanzen, das Nahrungsspektrum, den Platzbedarf, den Bodengrund und so weiter, die während vieler Exkursionen gewonnen wurden, haben die Garnelenhaltung revolutioniert und beispielsweise zur Entwicklung der hunderttausendfach bewährten Mineralsalze geführt, mit denen man Osmosewasser ganz einfach zu garnelentauglichem Wasser machen kann.

Was die Aquariengröße angeht, so gibt es hier einschlägige Angaben für die Mindestgröße, die auf das Verhalten (territorial ja/nein, innerartlich aggressiv ja/nein, schwimmfreudig und so weiter) der jeweiligen Arten abgestimmt sind. In kleineren Becken als angegeben sollte man die Tiere nicht halten, größer ist natürlich immer möglich.

Die Fotos aus den Habitaten und die Beobachtungen der Forscher helfen uns, die Aquarien und Aquaterrarien so einzurichten, dass die Wirbellosen sich wohl fühlen, da sie Verstecke aufsuchen können, wenn es zu Streitigkeiten kommt oder wenn sie nach einer Häutung Schutz brauchen.

Der Aspekt der Langeweile ist bei Zwerggarnelen nicht ganz so schwerwiegend — sie sind ja praktisch ständig mit der Nahrungssuche beschäftigt, und das können sie in einem mit Laub bestückten gut eingefahrenen Aquarium, in dem ausreichend Aufwuchs vorhanden ist, sehr gut und sehr naturnah erledigen. Auch in der Natur fressen Zwerggarnelen vorwiegend Detritus und Biofilme. Bei Krebsen und Krabben kann es ein wenig anders aussehen — sie brauchen Beschäftigungsmöglichkeiten in Form von größeren und kleineren Wurzeln und Steinen. Auf den größeren Exemplaren klettern die Scherenritter gerne herum, die kleineren werden oft mit Begeisterung und großer Ausdauer durchs Aquarium oder Aquaterrarium getragen. Auch eine entsprechend dicke Schicht Kies (im Aquarium) oder Terrarienhumus (auf dem Landteil des Aquaterrariums) tragen dazu bei, Krebse und Krabben zu beschäftigen — hier können sie graben und Wohnhöhlen anlegen, wie es ihrem natürlichen Verhalten entspricht. Bitte achten Sie darauf, dass Dekogegenstände nicht untergraben werden können, sie könnten die Krebse zerquetschen oder beim Kippen die Aquarienscheiben beschädigen!

Bei der Fütterung kann man durch abwechslungsreiche Kost, die nicht immer an denselben Stellen gegeben wird, für Kurzweil sorgen. Auch wenn speziell im Garnelenaquarium die Biofilme weitestgehend abgeweidet sind, gibt es am natürlichen Bedarf der Garnelen orientiertes Garnelenfutter, mit denen man sie auf lange Sicht gut und tiergerecht ernähren kann, und Präparate, die die Biofilme unterstützen.

Bei Krebsen und Krabben sorgt Lebendfutter für Abwechslung — Würmer müssen die Tiere fangen, Schnecken müssen sie knacken. Auch kann man beispielsweise weicheres Grünfutter wie Spinat oder überbrühte Brennnesseln in kleinen Röhrchen verstecken, aus denen die Tiere ihr Futter erst "herausarbeiten" müssen.

Eine tiergerechte Haltung ist bei Wirbellosen also mit ein bisschen gutem Willen nicht schwer zu realisieren. Inwiefern ist es jedoch grundsätzlich gerechtfertigt, Tiere der Natur zu entnehmen und sie in einem Glaskasten in einem zwar tiergerechten, doch nicht vollkommen natürlichen Habitat zu halten?

Diese Frage ist natürlich berechtigt.

Einige Menschen halten ihre Garnelen nicht nur, weil sie einen solchen Spaß an den kleinen Krabblern haben, sondern beispielsweise bewusst, um Arten, die in der Natur vom Aussterben bedroht sind (wie in einigen chinesischen Bächen und auch in den Alten Seen von Sulawesi). So betrieben diese Züchter bewusst Arterhaltung, sie tauschen sich mit anderen Züchtern aus und erhalten so auch eine gewisse genetische Vielfalt bei ihren Nachzuchten.

Aquarianer haben einen gesunden Bezug zur Umwelt & Natur!

Nun ist aber nicht jeder, der ein Aquarium hat und darin Tiere hält, ein Artenschützer. Das muss er oder sie auch nicht sein. Aber in Zeiten von Playstation, Snapchat und Onlinespielen sind viele von uns denkbar weit von der Natur entfernt. Alles, was uns und vor allem unseren Kindern die Natur und die Zusammenhänge in der Natur nahe bringt, ist nicht nur berechtigt, sondern absolut notwendig! Nur was man kennt und zumindest in Ansätzen versteht, das schützt man auch. Und Schutz hat die Natur nicht nur in Deutschland bitter nötig. Ein Aquarium wird ganz besonders für Kinder (aber auch für Erwachsene) zu einem Fenster in die Natur. Hier können wir im Kleinen die Kreisläufe beobachten, können Konsequenzen erkennen, wenn wir an Parametern drehen, und wenn wir genau hinschauen, entdecken wir gerade in Aquarien mit Wirbellosen tausend Details, die uns zu einem höheren Verständnis für die Natur und ihre Abläufe bringen können.

Das Internet ist auch nicht nur nachteilig. Immerhin lesen Sie gerade auch einen Internetartikel zum Thema Aquaristik im allgemeinen und Wirbellosenaquaristik im besonderen. Noch nie war es so einfach, an fundierte Informationen zu kommen. Noch nie konnten auch schwierig zu haltende Tiere so erfolgreich von einer so großen Zahl an engagierten Hobbyisten nachgezogen werden. Das Internet vernetzt sie und stellt ihnen die Informationen zur Verfügung, es dient dem Erfahrungsaustausch und auch der Gemeinschaftspflege. In Foren und Gruppen sind längst Freundschaften entstanden, die weit über die bloße virtuelle Welt hinaus gehen und die ihren Weg ins "echte" Leben gefunden haben. Die tiergerechte Haltung war noch nie so leicht — man kommt nicht nur deutlich schneller und besser an die Informationen über die Ansprüche der Tiere, man kann sich auch alles, was man dazu benötigt, online sehr einfach beschaffen. Oft führen 08/15-Zoohandlungen diese speziellen Wasseraufbereitungsmittel und auch die besonderen Gerätschaften nicht, die man für unsere Wirbellosen (und auch für Aquascapes) braucht.

Aquaristik schützt Biotope!

Nachzuchten und Naturentnahmen kann man denken, wie man möchte — worüber man sich jedoch absolut im klaren sein muss: In den allermeisten Ländern, aus denen unsere Wirbellosen kommen, ist der Naturschutz eine sehr nachrangige Angelegenheit. Der Bach oder der See, aus dem keine Garnelen, Krebse, Krabben oder Schnecken mehr entnommen würden, wäre dann nicht das unberührte Naturbiotop, das smaragdgrün in der Sonne vor sich hin glitzert. Die meisten Fänger haben ein wirtschaftliches Interesse an diesen Bächen. Ist das nicht mehr gegeben, kann man im Prinzip abwarten, bis die Bäche mit Plastik vermüllt werden oder durch Minen, Industrie, Pestizideinsatz auf Plantagen und so weiter so gnadenlos verschmutzt werden, dass dort gar nichts mehr leben kann. Ein nachhaltiger Fang, eine vorsichtige Entnahme aus der Natur ist nicht unbedingt nachteilig. Hier besteht sicherlich an vielen Orten noch deutlicher Schulungsbedarf bei den einheimischen Fängern, an manchen Orten hat sich allerdings schon wirklich viel getan.

Dieser neue, vorsichtigere Umgang der Natur ist auch der Aquaristik zu verdanken.

Seien wir verantwortungsvoll in dem, was wir tun. Gestalten wir unsere Aquarien zu kleinen tiergerechten Juwelen mit sauberem Wasser und schönen Pflanzen, damit wir die Tiere, die uns anvertraut wurden, so halten können, wie es ihren Ansprüchen entspricht — und lassen wir uns kein schlechtes Gewissen einreden. Es mag auch ohne Aquarien gehen. Schöner ist es mit ihnen. Und zwar für alle Beteiligten, wenn man die Sache richtig anpackt.

 

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

  • Sehr gut zusammengefasst!

    Wir Wirbellosenhalter sollten nicht den gleichen Fehler machen wie die Tierhaltungsgegner, indem wir menschliches Gedankengut auf unseren gepanzerten Freunde projezieren. Kein Wirbelloser wird jemals Langeweile verspüren. Es sind auch keine Preferenzen beim Futter zu erwarten. Das Verfüttern von Lebendfutter mag nach besonderer Action aussehen, ist aber nur der Tatsache geschuldet, dass sich das Futter "wehrt". Umso satter unsere Krebse, und Garnelen sind, umso weniger aktiv laufen sie durch das Aquarium. Tierhaltungsgegner erwarten einen besonderers großen Bewegungsdrang, den wir mit den Tieren in einem räumlich begrenzten Aquarium nicht bieten können, aber keine Garnele wuselt aus Spaß den ganzen Tag umher, und kein Gnu, oder Zebra rennt den ganzen Tag aus Jux und Dollerei durch die Savanne. Es ist einfach der Nahrungsbedarf, der die Tiere in Bewegung hält. Da wir Tierhalter unseren Schützlingen genügend Futter zukommen lassen, müssen sie nicht den ganzen Tag umherrennen. Also sollten wir die Wirbellosen, die in unseren Aquarien weit älter werden, als in der Natur nicht vermenschlichen.