Beitrag teilen:

Tierhandel mit Wildfängen ist Artenschutz!

Inhaltsverzeichnis


In den letzten Jahren wird ein künstlicher Zusammenhang zwischen dem Handel mit wild gefangenen exotischen Tieren und dem weltweit zu beobachtenden Artenschwund hergestellt. Dabei wird mit der bekannten Tierliebe der Deutschen spekuliert und zusätzlich werden völlig unbegründete Ängste vor gefährlichen Tieren und exotischen Krankheiten geschürt. Diese fachlich unzutreffende Debatte wird leider bis zum heutigen Tag weitergeführt. Und immer noch setzen sich manche für ein generelles Einfuhrverbot von Wildfängen exotischer Tiere ein.

Dabei wird die wissenschaftlich unumstößliche Tatsache völlig verschwiegen, dass noch keine einzige Tierart jemals durch den Lebendhandel ausgerottet wurde! Kein Säugetier, kein Vogel, kein Reptil, kein Amphib, kein Fisch und auch kein wirbelloses Tier. Durch vom Menschen verursachte Umweltzerstörungen sterben hingegen täglich Tierarten aus und verschwinden für immer von der Erde.

Risikoärmste Form der Heimtierhaltung

Durch exotische, in Privathaltung gepflegte Tiere auf den Menschen übertragene Krankheiten – man nennt sie Zoonosen – sind extrem selten und spielen, verglichen mit durch domestizierte Heimtiere (Hund, Katze, Kaninchen, Hamster, Meerschweinchen, Geflügel) medizinisch keine Rolle. Wer ganz normale Hygiene-Maßnahmen einhält, sich also nach Tierkontakt die Hände wäscht, Tiere nicht in den Mund nimmt oder küsst und sich nicht beißen, kratzen oder stechen lässt, der steckt sich nach menschlichem Ermessen nicht mit Krankheiten an.


Die Pflege von exotischen Reptilien und Fischen sowie von wirbellosen Tieren ist im Hinblick auf die Zoonosen-Gefahr die risikoärmste denkbare Form der Heimtierhaltung überhaupt.
Auch die Gefahr, eine Allergie zu entwickeln, ist bei Reptilien, Amphibien und Fischen kaum vorhanden, ganz im Gegensatz zu allen Tieren mit Haaren oder Federn. Wer sich also ernsthaft um die Volksgesundheit sorgt, der muss die Haltung von Hunden, Katzen, Kleinsäugern und Vögeln verbieten.

Süßwasserfische – durch Wildfang gefährdet?

In wissenschaftlich unkorrekter Weise wird von sogenannten Tierschutzorganisationen ein Zusammenhang zwischen Tier- und Artenschutz hergestellt. Beide Themengebiete haben nichts miteinander zu tun. Der Tierschutz stellt das individuelle Exemplar, das sich in menschlicher Obhut befindet, in den Mittelpunkt des Interesses, unerheblich, ob dieses Exemplar eine Haustierform ist oder eine Wildform, Nachzuchtexemplar oder Wildfang.

Der Artenschutz hingegen betrachtet natürliche Fortpflanzungsgemeinschaften, also eine Vielzahl von Exemplaren, und versucht deren genetisches Überleben durch geeignete Maßnahmen zu sichern. Das Individuum spielt dabei kaum eine Rolle.

Im Folgenden sollen die Auswirkungen des internationalen Tierhandels am Beispiel der Süßwasser-Aquarienfische analysiert werden (im Wesentlichen gelten die Ausführungen jedoch für alle für die private Tierhaltung in Betracht kommenden Tierarten). Weltweit kennt man derzeit ca. 33.300 Fischarten.
Die tatsächlich existierende Zahl von Arten lässt sich natürlich nur schwer schätzen. Aus Erfahrung kann man davon ausgehen, dass etwa weitere 15.000 bis 20.000 Fischarten wissenschaftlich noch nicht entdeckt sind. Rund die Hälfte kennt man aus dem Süßwasser, obwohl nur etwa 3% der Wasservorkommen dieses Planeten Süßwasser sind.


Auf der ganzen Welt sichert Zierfischfang, hier auf dem "Lake Duma" in Bengalen, ein nachhaltiges und umweltschonendes Einkommen.

Theoretisch kann man jede Fischart im Aquarium pflegen und züchten. Dennoch wurden von den schätzungsweise 16.000 bislang bekannten Süßwasserfischarten erst ca. 4.800 überhaupt jemals im Aquarium gepflegt (s. Mergus Aquarienatlas Bände 1-6). Im Zoofachhandel sind regelmäßig (öfter als 1x pro Jahr) noch erheblich weniger Arten erhältlich, etwa 200 bis 400, der gesamte Rest kann als „Rarität“ gelten, den selbst begeisterte Aquarianer im Laufe ihres Lebens gewöhnlich nie zu Gesicht bekommen.


Eine Ausnahme: Der Rote Neon wird noch großteils wild gefangen.

Es liegen keine wissenschaftlich haltbaren Hinweise vor, dass unter tierschutzrechtlichen Aspekten Handlungsbedarf bezüglich der Zierfischhaltung besteht. Die spezielle Naturgeschichte der für die Hobbyaquaristik hauptsächlich in Frage kommenden Arten macht eine Überfischung oder gar Ausrottung völlig unmöglich, denn es handelt sich bei fast allen Arten um stationär lebende Kleinfische. Die haben zum einen ein ungeheures Vermehrungspotential und sind zum anderen hochgradig kannibalisch, das heißt sie fressen Laich, Larven und Jungfische von Artgenossen. Dies ist der Grund, warum sich die meisten Aquarienfischarten nur in speziellen Zuchtaquarien vermehren lassen.

Der Hochlandkärpfling Ameca splendens ist in der Natur fast ausgestorben - dass er in der Aquaristik noch in guten Beständen existiert, verdankt er enthusiastischen Züchtern.

Kannibalische Artgenossen sind der wichtigste biotische Faktor, der die Populationsgröße einer wildlebenden Kleinfischart bestimmt. Der einzige Effekt, der von einer starken Befischung einer solchen stationär lebenden Kleinfischart ausgeht, ist darum, dass die wildlebende Population wächst, nicht, dass sie schrumpft.

Ungeheures Vermehrungspotential

Das zeigen auch die Erfahrungen, die gemacht wurden, als man versuchte, unliebsam gewordene Neozoen in Mitteleuropa auszurotten. In den 1870er bis 1890er Jahren wurden gezielt verschiedene Arten nordamerikanischer Fische und Krebse in Deutschland angesiedelt, um den Speisezettel des Menschen zu erweitern, mit zum Teil verheerenden Folgen. Durch den amerikanischen Krebs Orconectes limosus wurde die für die europäischen Krebse tödliche Krebspest eingeschleppt, welche diese Arten bis heute an den Rand der Ausrottung drängt.

Auch der Sonnenbarsch (Lepomis gibbosus) und der Katzenwels (Ameiurus melas) haben sich als für die einheimische Kleinlebewelt verhängnisvoll herausgestellt, genau wie der in den 1960er Jahren als Beifang zu Besatzfischen aus Osteuropa eingeschleppte Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva). Jeder Versuch einer mechanischen Vernichtung oder wenigstens Reduzierung der Bestände dieser Arten durch Abfischen ist bisher kläglich gescheitert. Je mehr erwachsene Fische weggefangen werden, desto stärker vermehrt sich die Population. Wo vorher hundert stattliche Fische lebten, schwimmen nach deren Abfischen kurze Zeit später tausende von kleinen, sich munter fortpflanzenden Exemplaren…

Die Zerstörung der Lebensräume durch den Menschen ist der einzog ernstzunehmende Grund für das weltweite Artensterben.

Es ist also schlicht unmöglich, eine Kleinfischart in einer intakten Umwelt durch Fang auszurotten. Das hängt vor allem mit dem ungeheuren Vermehrungspotential praktisch aller Fische zusammen. Denn selbst die Arten, die nur wenige Jungtiere produzieren, vermehren sich in riesigen Mengen, verglichen mit Säugetieren oder Vögeln. Trotzdem bleiben statistisch gesehen von den Millionen von Nachkommen, die ein Fischpärchen zeugen kann, immer nur zwei Exemplare übrig, die sich wieder fortpflanzen.

Noch niemals konnte eine unerwünschte Spezies, hier der Sonnenbarsch Lepomis gibbosus, durch Befischung wieder entfernt werden.

Vermehrungsraten

Zu den Arten mit der geringsten Produktivität in Sachen Nachwuchs gehören die Lebendgebärenden Zahnkarpfen, also Guppy, Platy, Schwertträger, Molly & Co. Sie bringen pro Wurf nur 10-150 Jungtiere, je nach Größe, Alter und Ernährungszustand des Muttertieres. Verglichen mit Eierlegern ist das ein Witz, laichen doch selbst die winzigen Neonsalmler 50-100 Eier pro Laichgang und das alle sechs Tage, während zwischen den Würfen der Lebendgebärenden acht bis zwölf Wochen liegen.

Selbst wenn ein Guppy nur zehn Jungfische pro Wurf hat, die ihrerseits wieder nur zehn Jungfische pro Wurf produzieren und so weiter, ergibt sich von einem einzigen Ausgangstier nach vier Generationen eine theoretische Nachkommenzahl von 19.450 Exemplaren in etwas mehr als einem Jahr! Bei angenommenen 20 Jungtieren pro Wurf sind es schon 46.900 Nachkommen, bei 50 pro Wurf über 20 Millionen –also in etwa die Menge, die jährlich an Roten Neons aus Brasilien exportiert wurde.

Wohlgemerkt, das ist der Nachwuchs von einem einzigen Weibchen nach vier Generationen in etwas über einem Jahr! Die tatsächlichen Nachkommenzahlen bei Kleinfischen sind erheblich höher.

Fast alle handelsrelevanten Kleinfisch-Arten – der Rote Neon ist wirklich eine Ausnahme – werden überwiegend oder ausschließlich als Nachzucht gehandelt. Nicht aus Artenschutzgründen, der gegenwärtige Aquarienfischmarkt verlangt nach ganzjährig gleichbleibender Qualität und kalkulierbaren Preisen. Ein Naturprodukt ist mal leichter und mal schwerer zu fangen, mal dicker und mal dünner, mal stabil und mal labil, je nach Saison. Darum werden praktisch alle Standardfische als Nachzuchten gehandelt.

Die überwältigende Mehrzahl der Aquarienbesitzer auf der Welt interessiert sich wenig bis gar nicht für die gewaltige Artenvielfalt, die gerade Fische zu bieten haben. Die Kriterien, nach denen diese Aquarienbesitzer den Besatz für ihr Aquarium aussuchen, sind völlig andere: Sind die Tiere pflegeleicht? Sehen sie gut aus? Vertragen sie sich mit den anderen Fischen? Darum gibt es im Zoofachhandel das so genannte Standard-Sortiment.

Deltaflügelwelse Hara jerdoni werde per Hand am Fluss Tista in Indien gefangen.

Nach der Internationalen Roten Liste (IUCN, http:// www.iucnredlist.org, abgerufen am 24. Juni 2016) sind derzeit 65 Süßwasser-Fischarten vollständig ausgestorben, die Mehrzahl davon wurde noch nie im Aquarium gepflegt, bei keiner einzigen wird Überfischung für den Zierfischhandel als Grund angegeben. Auf das Aussterben hatte der Fang der Zuchttiere keinerlei Einfluss, es ist auf die vollständige Zerstörung der Lebensräume durch den Menschen zurückzuführen.

Nur bei zwei Arten der Kategorie „kritisch gefährdet“ wird die Überfischung für den internationalen Zierfischhandel als Grund für den Niedergang freilebender Populationen angegeben, nämlich die thailändische Haibarbe und ein großwüchsiger Tigerbarsch.

Warum Handel mit Wildfängen?

Ein kleiner Teil, etwa 20.000 Aquarianer und Aquarianerinnen, sind in Vereinen bundesweit oder international organisiert, betreiben die Aquarienkunde ernsthafter und mit einem hohen Forschungsanspruch. Ausnahmslos alles, was wir über die Biologie von Kleinfischen weltweit wissen, verdanken wir der Aquarienkunde.

Durch rechtliche Einschränkung des Handels, der Pflege und Zucht von Kleinfischen und besonders von Wildfängen würden Arten unnötig gefährdet und die Forschung um Jahrzehnte zurückgeworfen. Analoges gilt für sämtliche Kleintiere, auch Korallenfische, Reptilien, Amphibien, Kleinvögel, Kleinsäuger und Wirbellose.

Die bestehenden Gesetze, vor allem das Washingtoner Artenschutzabkommen (CITES), sind völlig ausreichend. Die dortige Listung bedeutet nicht, dass eine Art selten ist, sondern so attraktiv, dass man bei einem unkontrollierten (!) Handel eine Gefährdung befürchtet.

Eine exzessive CITES-Listung von Spezies ist jedoch kontraproduktiv. Ist nämlich eine Art gar nicht handelsrelevant, wird durch eine Beschränkung ein Schwarzmarkt geschaffen, der vorher überhaupt nicht existierte. Zuvor frei handelbare, aber eigentlich unverkäufliche und für eine breite Käuferschicht uninteressante Arten werden durch eine CITES-Listung plötzlich teuer und das allein macht sie zum Ziel skrupelloser, gesetzloser Geschäftemacher.

Fang von Dario dario am "Ghotigangga Creek", Indien.

Aktive Entwicklungshilfe

Fang- und Handelsverbote haben keinerlei positive Auswirkungen auf die natürlichen Bestände, wie man anhand der jährlich länger werdenden Roten Listen europäischer Kleintierarten sehen kann. Keine einzige europäische Art wird in nennenswertem Umfang als Wildfang in Privathand gepflegt, trotzdem sind immer mehr gefährdet.

Der nachhaltige Fang von Vivarientieren ermöglicht in strukturarmen Ländern ein Einkommen aus der Natur. Das ist aktive Entwicklungshilfe! Gleichzeitig wird dadurch aus wertlosen Brachflächen, die stets von Brandrodung und Urbarmachung bedroht sind, ein wirtschaftlich interessanter und darum schützens- und erhaltenswerter Raum. Da Kleintiere nur in intakten Lebensräumen überleben, ist der Kauf von Wildfängen direkter Natur- und Umweltschutz und damit der effektivste Artenschutz, den man sich vorstellen kann.

 

Text & Fotos: Frank Schäfer
Dieser Text basiert auf einem Text von 2013 aus Aqualog Bookazine No. 1




Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.